Bauliche Entwicklung

Nach Verleihung des Stadtrechtes für die Burg und Siedlung "Newnstein" mit allen Rechten, Gewohnheiten, Gnaden und Freiheiten wie zu Mainz und Frankfurt wuchs Neuenstein nur sehr langsam. Über die anfängliche Entwicklung der Stadt ist wenig bekannt. Mit der Erhebung der Siedlung zur Stadt war in Neuenstein die Aufgabe verbunden, aus der Burgsiedlung eine Stadt zu machen, das bedeutete eine Stadt zu planen und anzulegen. Diese Aufgabe ist offenbar gelungen, denn Neuenstein wurde neben der Bergfestung Waldenburg Mittelpunkt der Gegend. Die älteste Abbildung Neuensteins stammt aus dem Forst-Grenzbuch um 1607.
Neuenstein wurde ummauert und hat wohl gleich zu Anfang die Ausdehnung erhalten, die anhand der Stadtmauer und ihrer Reste bis heute ablesbar ist.

Die Urkarte von 1841 zeigt die Entwicklung der Stadt sehr anschaulich. Es ist die erste detaillierte Kartengrundlage.
(Auszug aus der Beilage 1:2500 zur Urkarte NO 6734; Öhringen, den 20.09.2000; Staatliches Vermessungsamt Künzelsau, Dienstelle Öhringen.)

An der Farbigkeit der Gebäude können wir auch die damaligen Nutzungen erkennen.

Rot angelegte Gebäude dienten dem Wohnen und der Geschäfts- oder der gewerblichen Nutzung.
Gelb hinterlegt sind die Nebengebäude,
Grau  die öffentlich genutzten Gebäude.

Studiert man die Karte, so findet man viele Veränderungen, aber auch viele Dinge, die noch heute als Zeugen unserer Stadtgeschichte bestehen. Die heutige Stadtstruktur war 1841 bereits festgelegt. Die Hauptstraßen, die dem Wohnen und dem Geschäftsleben dienten, waren die Vordere und die Hintere Gasse. Während die Vordere Gasse später zur Schlossstraße umbenannt wurde, wurde aus der Hinteren Gasse die Hintere Straße.

Das eiförmige Innere zwischen der Hinteren und der Vorderen Gasse wurde erst nach einem Großbrand 1885 mit einer durchgängigen Gasse, der Pfarrgasse, erschlossen. Der Innenbereich war bis dahin mit Scheuern, Schuppen und Ställen und einer Handvoll kleiner Wohngebäude bebaut. Im Zuge der Stadtsanierung wurden 1984 alle Gebäude des inneren Eis abgebrochen. Der Abbruch erfolgte zugunsten einer besseren Belichtung der verbliebenen Gebäude, aber auch um Parkraum für die Bewohner der Innenstadt zu schaffen und damit den heutigen Anforderungen gerecht zu werden. Im Inneren Ei und auch entlang der Stadtmauer bzw. in Stadtmauernähe hatten sich überwiegend die Bauern angesiedelt. Diese Struktur wurde erst in den vergangenen 30 Jahren aufgelöst.

Die ganze Stadt war von einer Mauer umgeben. Nach Süden, zur Walk hin sind noch deutlich die Überreste einer doppelten Mauer mit Zwinger zu erkennen. Ob die Stadt ringsum durch eine Doppelmauer geschützt war, ist nicht bekannt und könnte nur durch Grabungen festgestellt werden. Sehr gut sieht man das größtenteils erhaltene Stück der Stadtmauer vom Mauerweg aus. Die Häuser auf dem Erbsenberg wurden alle auf der Stadtmauer errichtet. Davor liegt noch heute unbebaut der ehemalige Zwinger.
Von den ehemaligen Stadttürmen steht heute nur noch der Bürgerturm, auch oberer Torturm genannt. Er wurde, wie eine Tafel mit lateinischer Inschrift und hohenlohischem Wappen verkündet, von Baumeister Georg Kern auf Befehl des Grafen Kraft von Hohenlohe im Jahr 1620 errichtet.

Der Malefiz- bzw. Diebsturm stand an der Nordwestecke der Stadtmauer auf der Schanz. Er musste bereits 1791 wegen Einsturzgefahr bis auf Stadtmauerhöhe abgebrochen werden. Wie der Name schon sagt, beherbergte der Turm, der ca. 29m hoch war und einen Durchmesser von 5-6 m hatte, ein Gefängnis mit unterirdischem Verlies.
Weitere Türme befanden sich auf der Südseite der Stadtbefestigung. Auf den Resten einer Scheuer und eines Befestigungsturmes wurde das Wohnhaus Spitalgasse 7 errichtet. Überreste des sogenannten Franzosenturmes findet man oberhalb der Schleifmühle und Reste eines weiteren Befestigungsturmes wurden in den Park in der Walk einbezogen.

Von den Stadttoren ist heute nichts mehr zu sehen. Unser Wissen haben wir aus historischen Quellen, Bildern und Plänen. Der Stadteingang, das so genannte "Untere Tor" war der Stadtbefestigung vorgelagert. Am Unteren Tor standen einst zwei Torgebäude mit kleineren Türmen, die miteinander verbunden waren. Der westliche Teil des Torgebäudes wurde bereits ab 1816, der östliche Teil nach 1874 abgebrochen. Über das obere Stadttor ist nur wenig belegt. Die Wachstube vom Oberen Tor befand sich wohl 1786 im Gebäude Schloßstraße 2 und später im Gebäude Schloßstraße 7 (ehemals Gastwirtschaft zum Grünen Baum).

Die Stadtgräben in den Tieflagen waren mit Wasser gefüllt, so der Vordere oder Untere Stadtgraben, auch Schneckensee genannt im Bereich der Seewiese, der Herren- oder Schwanensee und der Walksee bzw. Hintere Stadtgraben. Diese Gräben waren nicht immer ein Quell der Freude. Der mit viel Rohr verwachsene, häufig stinkende Schneckensee musste ebenso wie der Walksee immer wieder vom Schlamm befreit werden. Durch eingeleitete Abwässer verschlammten die Seen sehr schnell und drohten zu verlanden. Auch gab es Beschwerden, dass die Seen Brutstätten schädlicher Insekten seien. Fronpflichtige Bauern aus Neuenstein und Umgebung mussten immer wieder antreten um beide Seen mühevoll zu reinigen. Bereits 1859 wurde der Schneckensee bis auf ein Bachbett aufgefüllt, 1950/51 wurde der Walksee kanalisiert und das Gelände aufgefüllt.

Mit dem Ausbau der alten Burganlage zu einem Residenzschloss in der Mitte des 16. Jahrhunderts wuchs die Stadt über ihre Mauern hinaus. Die Stadt wurde am Oberen Tor nach Südosten hin (Schafgasse und Steige zum Eichhofer Weg) und in nordöstlicher Richtung, beiderseits der Landstraße nach Schwäbisch Hall hin erweitert. Zuerst entstanden wohl Hütten und Scheuern, dann Einhäuser von Taglöhnern, Bauernhöfe, Handwerkerhäuser mit Feuerstellen, Werkstätten mit Geruchsbelästigung oder großem Raumbedarf. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren in der Vorstadt viele Gebäude verödet und verfallen.

Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte, wohl im Zuge des chausseemäßigen Ausbaus der Friedrichsruher Straße, ab 1849 die Bebauung mit Wohngebäuden auf deren Westseite, die mit dem Schulhausbau 1878 abschloss. Die Ostseite der Friedrichsruher Straße wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Wohnhäusern bebaut.

Nördlich der Stadt, oberhalb des 1860 / 1862 aufgeschütteten Bahndamms gab es bereits vormals eine Bebauung. Neuenstein war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Weinbaugemeinde, wenn auch die Qualität des Neuensteiner Weines "will man den Überlieferungen Glauben schenken" nicht sonderlich gut war. 1622 wurde die herrschaftliche Kelter im Bereich der heutigen Stadthalle errichtet. 1904 verpachteten die Weinbergbesitzer die Kelter an Turnverein und Schule als Turnraum. 1974 wurde das sehr verfallene Gebäude abgebrochen.

In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich die frühere Ziegelei. Wie lange die Ziegelei an diesem Standort schon bestand ist nicht belegt. Allerdings fand man bei der Dachumdeckung der Apotheke (Hintere Straße 8) in den 20er Jahren einen handgestrichenen Ziegel, der das Datum 1498 trug.

Die Stadtgeschichte ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Grafen und Fürsten zu Hohenlohe. Dies zeigt die Festschrift in den Beiträgen zur Stadtgeschichte. Die Verbundenheit ist jedoch auch ablesbar an der Stadtstruktur, der Verknüpfung des Schlosses mit der historischen Altstadt im Osten, an der gemeinsamen Sicherung von Schloss und Stadt im Süden, Westen und Norden durch Seen und Wassergräben. Beschäftigt man sich mit der Geschichte der Gebäude, deren Nutzung und Eigentumssituation, so zeigt sich hier die Einfluss- und Anteilnahme am Stadtgeschehen. Wilhelm Lamm schreibt über den Erbsenberg: "Durch allerlei schreckliche Ereignisse während des Dreißigjährigen Krieges fielen zahlreiche verödete Häuser an die gräfliche Grundherrschaft zurück. Nach diesen bösen Jahren versuchte die Herrschaft, das Städtchen wieder zu bevölkern und baute im Erbsenberg, in der Bogengasse und der Vorstadt viele verfallene Häuser wieder auf zur Miete oder zum Kauf." Diese engen Beziehungen werden im Buch von Wilhelm Lamm immer wieder aufgezeigt.

Blickt man heute auf die Geschichte unserer Stadt zurück, so zeigt sich die stetige Anpassung an die Bedürfnisse der jeweiligen Zeit. Schon im 16. Jahrhundert war es offenbar für den einen oder anderen Handwerker angezeigt, die Stadt zu verlassen und sich außerhalb der beengten Stadtbefestigung niederzulassen um sich entwickeln zu können oder um Beeinträchtigungen der Nachbarschaft, die gewiss schon damals zu Spannungen und Streitigkeiten geführt haben, zu beenden. Dem Grunde nach hat sich nichts geändert. Die Aufgaben, der sich unsere Stadt heute stellen muss, sind ganz ähnlich. Auch heute müssen wir uns bemühen, Wohnraum anzubieten für unsere Bürgerinnen und Bürger, Gewerbeflächen zur Verfügung zu stellen, unverträgliche Nutzungen zu entflechten, Grundlagen für die Versorgung vor Ort zu schaffen. Bei all dem haben wir gegenüber unserer historischen Altstadt aber auch eine Verpflichtung, mit diesem Erbe gut und verantwortungsvoll umzugehen. Wilhelm Lamm, der unschätzbares Wissen über Neuenstein und seine Geschichte in seinem Buch "Im alten Neuenstein" zusammengetragen hat, schreibt in seiner Rückschau treffend: "Eine Stadt, die leben will, kann das nicht als Museum, doch darf sie sich auch nicht von ihren Wurzeln abschneiden und ihre Geschichte ignorieren, es sei denn, sie gäbe sich selber auf."

Unsere Wurzeln sind die noch verbliebenen historischen Gebäude unserer Altstadt. Viele davon, die durch Umbauten und Veränderungen in ihrer Grundsubstanz nicht allzusehr gestört wurden, sind vom Landesdenkmalamt als Baudenkmale eingestuft worden. Häufig sieht man den Gebäuden ihre Qualität nicht an, sie wirken heute schäbig und störend im Stadtbild. Dennoch, sie zu erhalten und mit ihnen die Geschichte sichtbar zu machen wird eine Aufgabe der kommenden Jahre sein.

Sabine Eckert-Viereckel

Quelle
Wilhelm Lamm "Im alten Neuenstein"

Stadtinfo