Wilhelm Schrader

Porträt Wilhelm Schrader

Vor einigen Jahren gedachte man in Neuenstein eines Mannes, der hier vor 150 Jahren geboren wurde, und den die Stadt 1898 sogar zum Ehrenbürger ernannte.

Gemeint ist Georg Wilhelm Schrader, der am 12. Januar 1847 als Sohn des Apothekers Julius Schrader und dessen Ehefrau Wilhelmine geborene Lindner auf die Welt kam. Wilhelm, der zweitälteste unter 4 Geschwistern, war 10 Jahre, als der Vater und die Großmutter innerhalb einer Woche starben und in einem gemeinsamen Grab in Neuenstein bestattet wurden. Die Mutter mußte die Apotheke verkaufen und zog nach Öhringen, wo der Großvater der Kinder die Stelle des fürstlichen Hofgärtners innehatte. Nun war Schmalhans Küchenmeister, dennoch schaffte es die Witwe, unterstützt durch den Schwiegervater, ihren Kindern eine gute Ausbildung zu verschaffen.

Wilhelm besuchte in Öhringen das Lyzeum, machte in Stuttgart das Landexamen und wurde ins theologische Seminar Blaubeuren aufgenommen. 1866 begann er das Studium in Tübingen und belegte die Fächer Jura und Kameralistik (Finanzwissenschaft). Nach der 1. Staatsprüfung 1870 und einer Referendarzeit in Göppingen erhielt Wilhelm Schrader seine erste Anstellung als Kameralbuchhalter in Tettnang. Hier heiratete er 1873 Franziska - genannt Fanny - Laub von Dürmentingen. Die nächsten Stationen waren Grenzkontrolleur in Langenargen, die Hauptstaatskasse Stuttgart und 1885 eine Stelle als Hauptzollverwalter in Friedrichshafen. In Langenargen wurde die Tochter Berta geboren, der Sohn Otto kam in Stuttgart zur Welt.

1895 übersiedelte Wilhelm Schrader mit seinen beiden Kindern nach Ulm, die Mutter lag schon 5 Jahre auf dem Kirchhof in Friedrichshafen. Etwas später wurde ihm als Obersteuerrat die Leitung des Hauptzollamts übertragen. Wilhelm Schrader brauchte die Geselligkeit zum Leben. Wohin er auch versetzt wurde, bald fand man ihn als Mitglied der unterschiedlichsten Vereine. In seiner Tettnanger Zeit wurde er Mitglied des Landwirtschaftlichen Vereins und widmete sich intensiv der Kultur und Veredelung von Obstbäumen. Als Naturfreund wurde er auch Mitglied des Schwäbischen Albvereins. Seine Sangesfreude machte ihn zum Mittelpunkt in den Gesangsvereinen, aber auch die Instrumentalmusik hatte in ihm einen Interpreten. Neben seiner Heimat Hohenlohe liebte Schrader das Oberland über alles.

Während seines Stuttgarter Aufenthalts überredeten Freunde, die seine dichterische Begabung erkannt hatten, Wilhelm Schrader, die Schriftleitung des "Vetter aus Schwaben" zu übernehmen, einer literarisch-künstlerischen Wochenbeilage der Württembergischen Landeszeitung. Hier erschienen nun aus seiner Feder die ersten Gedichte und Erzählungen, zumeist in hohenlohisch-fränkischer Mundart. Auch die phantastischen Geschichten "Bamm alte Gäwele" wurden hier zuerst gedruckt und fanden begeisterte Liebhaber.

Hatte Johann Peter Hebel zu Beginn des Jahrhunderts die "alemannischen Gedichte" geschrieben, und versuchte sich der Rechtsanwalt Karl Gottfried Nadler ( gest. 1849 ) in pfälzischer Mundart, so trug Schrader mit dem fränkischen Dialekt dazu bei, die Mundartdichtung als neue literarische Kunstform hoffähig zu machen. Andere schlossen sich ihm an. Auch Karl Ott aus Weikersheim schrieb nun im "Vetter aus Schwaben" in Mundart, ja, auch er bediente sich öfter der Figur des alten Gäwele als erzählerischer Gestalt. Und Wilhelm German aus Hall gab einem Erzählungsbändchen, in Anspielung auf den hohenlohischen Revierförster, den Titel der alten Neckformel "Ätsch Gäwele".

Haus von Wilhelm Schrader

Zwischen 1895 und 1905 erschienen die 5 Hauptwerke des Dichters in gebundener Form: "Bamm alte Gäwele"; "Aus em scheine Hohenlohe, em alte Gäwele serrer Haamet"; "Was se der Houfgarte zu Ähring alles verzeihlt"; "1848", Ähringe und Naiestaan im Johr Achtevärzich, und schließlich 1905 "der Straußenkrieg".

Zusammenfassungen der Schraderschen Werke erschienen 1937, 1957 und 1967. Die Geschichte "Was se der Houfgarte z' Ähringe verzeihlt" hatte einen traurigen Anlass. Ein Hagelunwetter in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1897 hatte in Öhringen und Neuenstein schwer gewütet, fast alle Dächer und Fenster zerschlagen, und im Öhringer Hofgarten die Bäume entlaubt und zum Teil entwurzelt. Diese Erzählung und viele Vorträge, die Schrader jetzt hielt, sollten die Spendenfreudigkeit anregen. Die Stadt Neuenstein dankte es ihm durch Verleihung der Ehrenbürgerschaft.

Im Gemeinderatsbeschluss vom 11.7.1898 ist festgehalten: "Wilhelm Schrader hat nicht nur in Wort und Schrift, sondern auch durch eine mit Aufbietung aller seiner überhaupt noch verfügbaren Kraft betriebene Gabensammlung an den Tag gelegt und damit einen Erfolg erreicht, der besondere Anerkennung verdient. In aller Herren Länder hat er seine Freunde und Bekannten aufgeboten, ihre Nächstenliebe auch an seinen Hohenloher Landsleuten zu bestätigen, und schließlich, nachdem seine wohltätige Arbeit schöne Früchte gefertigt hatte, in Ulm noch speziell für seine engere Heimat ein Wohltätigkeitskonzert in eigener Mitwirkung veranstaltet, das ihm einen Reinertrag von 382 Mark und 40 Pfennig sicherte, der auf 642 Mark aufgestockt wurde und welchen er hälftig der Stadtgemeinde Neuenstein und Öhringen überwies."

Woher nahm Wilhelm Schrader den ganzen Stoff zu seinen humorvollen Erzählungen? Die tatsächlichen Begebenheiten und einen Großteil der Personennamen entnahm er dem "Hohenloher Boten", von dem er ganze Jahrgänge nachlas. Viele der Jagdgeschichten waren schon in anderen Gegenden veröffentlicht und wurden immer weiter gegeben. Unser Dichter legte sie dem Fürstlich Hohenlohischen Förster Friedrich Bernhard Gäbele in den Mund, der 1792 in Öhringen geboren wurde, 1868 in Hermersberg verstarb, und am 1.11.1868 in Niedernhall begraben wurde. Schrader war 15 Jahre, als sein Großvater, der Hofgärtner, pensioniert wurde, und als verwitweter Rentner, ebenso wie der alte Gäbele, zeitweise seinen Wohnsitz im Neuensteiner Schloß nehmen durfte. Wenn der junge Schrader seinen Großvater besuchte, hörte er sicherlich auch den Schrullen und dem Jägerlatein des Michelbacher Originals zu und brachte 30 Jahre später vieles davon zu Papier.

Zum 1. Juli 1914 trat Wilhelm Schrader in den Ruhestand. Er freute sich auf ein Leben als "Freiherr", frei von äußeren Zwängen und Herr seiner Zeit. Doch es kam anders, am 31. Oktober ereilte ihn ein plötzlicher Herztod.

Seine Urne wurde, der Überlieferung nach, in Neuenstein im Grab der Großmutter und des Vaters in aller Stille beigesetzt. Auf dem Eisengusskreuz linkerhand der Friedhofskapelle steht in Goldbronze: Hier ruhen in Gott, Rosine Schrader geborene Vogt, Julius Schrader, Apotheker, und Wilhelm Schrader, geboren 12.1.1847, gestorben am 31.10.1914.

1919 brachte der Albverein am Geburtshaus von Wilhelm Schrader eine Gedenktafel an. Der Gemeinderat beschloss: eine neue Straße solle den Namen Gäwele oder Schrader tragen. Durch den überaus großen Erfolg den Schrader mit seinen Erzählungen hatte, identifizierte er sich immer mehr mit seiner Titelfigur und unterschrieb Grußkarten und Briefe an die Freunde mit "euer Gäwele". Dies führte vielleicht dazu, daß der eigentliche Träger des Namens mit der Zeit etwas in Vergessenheit geriet, seine Existenz aber nicht geleugnet wurde.

Rolf Werner

 

Quellen

HZA-Neuenstein, Stadtarchiv Neuenstein, Kirchenbücher von Neuenstein, Michelbach, Öhringen, Weißbach und Niedernhall, Literaturarchiv Marbach, Zeitungsausschnittsammlung, z. Bsp.: Hohenloher Bote, Schwäb. Merkur u. a., sowie Privataufzeichnungen und Sammlungen der Familien Rau, Frenz und Lindner.

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