Das Neuensteiner Schulwesen

Die erste Volksschule in Neuenstein entstand mit der Einführung der Reformation in Hohenlohe. Ursprünglich diente sie vorwiegend der religiösen Erziehung und Bildung. Biblische Geschichte, Katechismuslernen und Kirchengesang waren neben Lesen, Schreiben und Rechnen die Hauptfächer. Die Pfarrer wachten als geistliche Schulaufsicht in regelmäßigen Visitationen darüber, dass die Jugend zu Gottesfurcht und Ehrbarkeit erzogen und das Lesen und Schreiben recht gelehrt werde.

Der Unterricht fand anfangs wohl in der Wohnstube des Schulmeisters statt. Erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurde hinter der Kirche (heute Kirchgasse 7) ein Schulhaus mit zwei Schulräumen und Wohnungen für die Lehrer erbaut. Vermutlich seit dieser Zeit wurden auch Mädchen unterrichtet. Die Neuensteiner Schule war bis zur Eingliederung unseres Gebiets nach Württemberg im Jahre 1806 eine Einrichtung des Hauses Hohenlohe. Die Stadt gab zur Besoldung der Schulmeister einen Zuschuss. Erst 1865 gingen Bau- und Unterhaltungslast am Schulhaus auf die Stadtgemeinde und die Besoldung der Lehrer auf den Staat über.

Die Lehrer waren häufig junge Theologen (Präzeptoren), aber auch begabte junge Leute, die nach ihrer Schulzeit bei einem Präzeptor in die Lehre gingen und danach jahrelang als Gehilfen (Provisor) einem älteren Schulmeister aushalfen, bis sie schließlich selbst eine Stelle fanden. Zu den Pflichten der Lehrer gehörte seit dem 19. Jahrhundert auch das Abhalten der Sonntags- und Abendschule, in der Schulentlassene neben den hergebrachten Fächern auch noch in Weltgeschichte und Naturkunde unterrichtet wurden.

Durch die ständig wachsende Schülerzahl - im Winter 1847/48: 166 Knaben und 158 Mädchen - wurden die Verhältnisse in den beiden  Schulräumen (je 9 x 5,5 m) immer schwieriger. Abhilfe suchte man durch Schicht- und Abteilungsunterricht; nach langem Bemühen konnte eine dritte Klasse gebildet werden, die im Schloss untergebracht wurde. Ein Brand im Schloss 1869 machte vorübergehend die Verlegung dieser Klasse ins Gasthaus "Zu den Drei Königen" notwendig. In diesen Jahren hatte der Gemeinderat zu entscheiden, ob das altersschwache und längst zu klein gewordene Schulhaus durch einen Neubau an der selben Stelle oder auf der grünen Wiese ersetzt werden sollte. Nachdem von der Fürstlichen Institutsverwaltung schließlich ein Stück des Vorderen Herrngartes erworben werden konnte, wurde auf diesem Platz - an der heutigen Öhringer Straße - in den Jahren 1877/78 ein neues Schulhaus mit fünf Schulräumen erbaut. Am 14. Oktober 1878 wurde der Neubau von 287 Schülern in drei Klassen bezogen. Die Baukosten betrugen 74.025 Mark, die Mobiliarausstattung 1.880 Mark.

Beim Einzug in das Neue Schulhaus hatte man geglaubt, für die nächsten 250-300 Jahre ein ausreichendes Schulraumangebot zu haben. Doch bereits zwei Generationen später war das Haus wieder zu klein. Die Verlängerung der Schulpflicht auf acht Schuljahre und der Zuzug von Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Schülerzahlen so anwachsen lassen, dass dringende Abhilfe nötig wurde.

Zur Sechshundert-Jahrfeier der Stadt konnte nördlich des Schulhauses ein Neubau mit zwei Schulräumen bezogen werden, im Volksmund der "Starenkasten" genannt. Weitere Klassen mussten in mehrere Gebäude in der Stadt ausgelagert werden.

Entscheidende Einschnitte brachten die Schulreformen der 60er Jahre. Das neunte Pflichtschuljahr wurde eingeführt, neue Unterrichtsfächer wie Englisch und Werken kamen hinzu. Nach der Aufhebung der meist ein- bis zweiklassigen Schulen der Umgebung - Obersöllbach 1966, Großhirschbach 1968, Grünbühl 1969, Eschelbach 1973, Kirchensall 1976 - wurde aus der Volksschule Neuenstein die Grund- und Hauptschule. Um den unterrichtlichen Erfordernissen gerecht zu werden, mussten 1964/65 und 1968 zwei weitere Schulgebäude erstellt werden.

Trotzdem verschlechterte sich die räumliche Situation der Schule in den 90er Jahren. Steigende Schülerzahlen sorgten dafür, dass die Zahl der Klassen größer wurde als die Zahl der vorhandenen Schulräume. Für ergänzende Betreuungs- und Unterrichtsangebote fehlten Nebenräume, die Fachräume für Technik und Naturwissenschaften genügten den Lehrplanansprüchen nicht mehr, die Anlagen für Informatik waren behelfsweise in einem Abstellraum untergebracht. Zudem wurde 1995 ein freiwilliges zehntes Schuljahr eingerichtet, in dem begabte Hauptschüler die "Mittlere Reife" erwerben können.

In dieser Situation wurde die Planung für den heutigen Schulkomplex in Angriff genommen und zügig umgesetzt. Als aufwendigstes Vorhaben in der Geschichte unserer Stadt mit Baukosten in Höhe von 12 Millionen DM konnte eine Anlage geschaffen werden, die die vorhandenen Bauteile harmonisch zusammenfasst und in ihrer Funktionalität und Ästhetik den heutigen Anforderungen in hohem Maße gerecht wird. Derzeit 521 Schüler in 21 Klassen freuen sich nicht nur über helle und freundliche Unterrichtsräume und gut ausgestattete Fachräume, sondern ebenso über die gelungene Gestaltung der Außenanlagen, die mit ihren Spielgeräten, Freiflächen und Ruhezonen den unterschiedlichen motorischen Bedürfnissen hervorragend entsprechen.

Ein nützlicher Nebeneffekt des Schulhausneubaus war, dass der Altbau an der Öhringer Straße frei wurde für die Erweiterung des Notariats. Zudem konnten der Volkshochschule und den Vereinen Räume zur eigenen Nutzung überlassen werden.

Reinhold Seibold

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